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Journalismus und sein Publikum: die Re-Figuration einer Beziehung und ihre Folgen für journalistische Aussagenentstehung

Journalismus und sein Publikum: die Re-Figuration einer Beziehung und ihre Folgen für journalistische Aussagenentstehung

Der Journalismus hat sein Publikum schon länger „vermessen“ wie auch beteiligt: etwa in Form von Auflagenzahlen oder Reichweiten bzw. durch Leserbriefe. Die aktuelle Re-Figuration der Publikumsbeziehung jedoch kennzeichnen eine neue Vielschichtigkeit, der Einbezug externer Akteure sowie eine grundlegende Erweiterung der journalistischen Aufgabe: Der Publikumskontakt verläuft inzwischen in Echtzeit und über eine Vielzahl unterschiedlicher Kanäle (E-Mail, Facebook, Twitter, Instagram, Events usw.); Web analytics-Unternehmen, soziale Medien und ihre Algorithmen prägen die Publikumsbeziehung mit; und neben die Produktion und Verbreitung von Inhalten treten zunehmend neue Verantwortlichkeiten für Journalistinnen und Journalisten, etwa das Management von Anschlusskommunikation, Vernetzung, Interaktion oder gar Kollaboration von und mit Nutzerinnen und Nutzern. Dies hat nachhaltigen Einfluss darauf, wie Journalismus, seine Produkte, seine gesellschaftliche Funktion und sein Publikum „gedacht“, erstellt, verbreitet, genutzt und beurteilt werden. Diese Re-Figuration verläuft allerdings weder in allen journalistischen Organisationen noch bei allen Journalistinnen und Journalisten gleichzeitig und gleichförmig. So scheint insbesondere für journalistische Startups oft ein neues Verständnis der Beziehung zum Publikum im Mittelpunkt ihrer Vorstellungen von Journalismus und ihrer konkreten Arbeit zu stehen. Das Projekt erfasst diese Mannigfaltigkeit des Wandels und seine jeweilige Bedeutung für die journalistische Arbeit und Berichterstattung.

Das von der DFG geförderte Projekt, das im Rahmen des Forschungsverbunds Kommunikative Figurationen entstand und auf dem Projekt „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“ aufbaut, betrachtet die genannten Phänomene dabei als miteinander verschränkt und berücksichtigt dies in einem empirisch-analytischen Dreischritt: Erstens werden die Publikumsbeziehungen von Journalisten in all ihren Facetten rekonstruiert (journalistisches Rollenverständnis, Publikumsbild, Beteiligungsformen, Datafizierung des Publikums etc.). Zweitens wird analysiert, wie diese Beziehungen die journalistische Arbeit und Berichterstattung beeinflussen und etwa Recherchen zu einem Thema anstoßen, journalistische Beiträge ergänzen oder die Sicht einer Journalistin auf eine Geschichte verändern. Beides wird drittens im Vergleich verschiedener organisationaler Zusammenhänge untersucht, in denen Journalisten arbeiten: in etablierten Medienorganisationen und in journalistischen Startups. Dazu werden Interviews mit Journalistinnen und Journalisten über die Entstehung einzelner Beiträge geführt und kombiniert mit einer Tagebuch-App, in der sie relevante Publikumskontakte dokumentieren und bewerten. Ergänzend werden die Inhalte der Beiträge und der zugehörigen Publikumsäußerungen analysiert sowie untersucht, wie das Publikum zur Verbreitung der Beiträge in sozialen Netzwerken beiträgt.

Zusammen mit den Projekten zum „Pionierjournalismus“ und zur „Public Connection“ bildet das Projekt ein Forschungspaket, das einen ebenso breiten wie detaillierten Einblick in die Re-Figuration öffentlicher Kommunikation in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung bieten wird.
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Projektbeschreibung

Prägend für die Re-Figuration des Journalismus im Allgemeinen sowie der Journalismus/Publikums-Beziehung im Besonderen sind die folgenden Trends einer sich wandelnden Medienlandschaft in Zeiten tiefgreifender Mediatisierung, wie sie im Rahmen des Forschungsnetzwerks Kommunikative Figurationen identifiziert wurden:
  • die Differenzierung der Medien(-kanäle),
  • ihre zunehmende Konnektivität auf Basis der Infrastruktur des Internets,
  • die Omnipräsenz digitaler Medien durch die Mobilkommunikation,
  • das hohe Innovationstempo bei Inhalten, Plattformen und (mobilen) Geräten sowie
  • die zunehmende Datafizierung des Alltags durch Digitalisierung und zunehmenden Einsatz von Algorithmen.
Diese Trends haben es neuen – auch nicht-menschlichen Akteuren wie Algorithmen und ‚Social Bots‘ – ermöglicht, sich an öffentlicher Kommunikation zu beteiligen; sie haben eine gleichsam fragmentierte wie vernetzte Medienumgebung entstehen lassen, die es Politik, Wirtschaft und anderen Institutionen ermöglicht, den Journalismus zu umgehen und ihre Publika direkt anzusprechen; und sie förderten neue Normen und steigerten die Erwartungen an den Journalismus im Hinblick auf mehr Transparenz, Responsivität und Offenheit für Beteiligung. In der Summe führten diese und mit ihnen verbundene Entwicklungen zu einer vielschichtigen Krise der Journalismus/Publikums-Beziehung in Form sinkender Reichweiten, Vertrauenswerte und Gewinne. Gleichzeitig hält die neue Medienumgebung jedoch auch Lösungsansätze für diese Probleme bereit, da sie Journalistinnen und Journalisten sowie ihrem Publikum erweiterte Kommunikationsmöglichkeiten bietet. Indem wir die Re-Figuration der Journalismus/Publikums-Beziehung in den Mittelpunkt unserer Untersuchung stellen, können wir diese reflexiven Prozesse beobachten.
Vor diesem Hintergrund bringen wir verschiedene Stränge der Journalismusforschung zusammen: Zum einen stützen wir uns auf Untersuchungen zur Journalismus-Publikumsbeziehung und ihrem Wandel – nicht zuletzt auf unsere eigenen Fallstudien im Rahmen des Projekts „Die (Wieder-)Entdeckung des Publikums“. Zum anderen beziehen wir uns auf die Forschung zum Einfluss dieser Transformationen auf die alltägliche journalistische Praxis und die daraus resultierende Berichterstattung. Beide Themen haben sich in den letzten zehn Jahren zu mehr oder weniger eigenständigen Forschungssträngen entwickelt, die sich zunächst auf den „partizipativen Journalismus“ konzentrierten, und in jüngerer Zeit noch breitere Veränderungen der Beziehung zwischen Journalismus und seinem Publikum in den Blick nahmen, darunter so unterschiedliche Themen wie die Wiederherstellung verlorenen Vertrauens, die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle sowie neue Formen der Publikumsansprache und Präsentation von Nachrichten.
Diese Auswertung der Literatur brachte eine Fülle empirischer Belege für derzeitige Neu-Definierungen der Journalismus/Publikums-Beziehung hervor, die auch erhebliche Auswirkungen auf die journalistische Arbeit und Berichterstattung haben. Dies ist nur plausibel, wenn man bedenkt, dass „das Publikum“ von jeher einen der grundlegenden Bezugspunkte des Journalismus darstellt und Vorstellungen vom Publikum die Produktion journalistischer Beiträge entscheidend mitprägen.
Die aktuelle Forschung zu diesen Entwicklungen ist jedoch fragmentiert; die meisten Studien konzentrieren sich auf Einzelphänomene wie etwa das Management von Publikumsbeteiligung, die Anpassung von Inhalten für ihre Verbreitung auf verschiedenen Plattformen, den Einfluss neuer Metriken der Rezeption und Beteiligung auf das Publikumsbild von Journalistinnen und Journalisten oder den Versuche, Vertrauen und langfristige Beziehungen (wieder-)aufzubauen. Bisher vernachlässigt hat die Forschung die Frage, wie Journalisten mit der wachsenden Komplexität, Kontingenz und Ambivalenz eines zunehmend fragmentierten, „diversifizierten“ Publikums im Kontext des Multiplattform-Journalismus umgehen. Wir haben kaum Erkenntnisse dazu, ob und wie Medienschaffende traditionelle und neue quantitative wie qualitative Informationen über die verschiedenen Untergruppen ihres Publikums wahrnehmen und „miteinander verrechnen“ oder wie sie die unterschiedlichen, oft sogar widersprüchlichen Erwartungen dieser Gruppen miteinander in Einklang bringen. Und schließlich liegt noch im Dunkeln, wie dies die journalistische Arbeitsweise und die produzierten Inhalte beeinflusst.
Dies gilt umso mehr, wenn man bedenkt, dass sich die Journalismusforschung bislang vor allem auf die Nachrichtenproduktion in etablierten Medienorganisationen konzentriert. Im Gegensatz dazu befindet sich die Forschung außerhalb traditioneller Redaktionen noch in einem sehr frühen Stadium und ist weitgehend beschränkt auf Fallstudien zu einzelnen Start-ups, Unternehmer-Journalist*innen, partizipativen Nachrichteninitiativen und -plattformen, durch Crowdfunding finanzierte Projekte, Fact Checking-Websites, Non-Profit-Organisationen oder Kooperativen.
Der Mangel an vergleichenden Studien, die traditionelle mit neueren organisationalen Zusammenhängen kontrastieren, steht im klaren Widerspruch zur Bedeutung, die der Organisation – genauer: ihrer Struktur, ihren Arbeitsabläufen, ihrem spezifischen journalistischen Ansatz und ihren wirtschaftlichen Zielen – in der Literatur beigemessen wird: Sie stellen Rahmenbedingungen dar, welche die Beziehungen von Journalistinnen und Journalisten zu ihrem Publikum, ihre Arbeit und die von ihnen erstellten Beiträge entscheidend mitprägen. Dieses Missverhältnis erscheint noch relevanter, wenn man bedenkt, dass sich in den neuen Organisationsumgebungen eher neue Verständnisse und vermutlich tiefgreifendere Re-Figurationen der Journalismus/Publikums-Beziehung entwickeln und dass gleichzeitig andersherum veränderte Vorstellungen der Journalismus/Publikums-Beziehung die Entstehung neuer Medienunternehmungen stimulieren. Zudem dürften diese neuen Ansätze allmählich von der Peripherie in das breitere Feld sowie den Kern des Journalismus diffundieren und so auch zunehmend die alltäglichen Praktiken etablierter Nachrichtenorganisationen beeinflussen, so wie es zum Beispiel bei den einst neuen Praktiken des Bloggens und Twitterns der Fall war.
Vor diesem Hintergrund ist es das Hauptziel des Projekts, die genannten Forschungsstränge zusammenzuführen und die identifizierten „missing links“ zu untersuchen. So soll systematisch(er) und umfassend(er) geklärt werden
a) wie (tiefgreifend) die Beziehung der Journalismus zu seinem Publikum in ihren verschiedenen Facetten (journalistisches Rollenverständnis, Publikumsbild und -beteiligung, Datafizierung usw.) re-figuriert wird;
b) wie (stark) die wandelnden Vorstellungen der Journalistinnen und Journalisten von ihrer Publikumsbeziehung beeinflussen, welche Inhalte sie produzieren (z. B. „objektive“ Informationen für „passive Rezipierende“ vs. Meinungsbeiträge zu einer Debatte unter „Dialogpartnern“; Newsletter vs. Podcasts vs. Virtual Reality-Storys), wie sie diese erstellen (z. B. inwieweit sie auf Daten, Metriken oder Automatisierung basieren; ob Publikumsmitglieder dazu beitragen oder sie sogar mitproduzieren können); und
c) wie dies mit den unterschiedlichen organisationalen Rahmenbedingungen (z. B. in neuen vs. etablierten Medienorganisationen) zusammenhängt und von diesen geprägt wird.

Infos zum Projekt

Überblick

Laufzeit: 2019-2022

Forschungsprogramm:
FP1 - Transformation öffentlicher Kommunikation

Drittmittelgeber

Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

Kooperationspartner

Ansprechpartner

Prof. Dr. Wiebke Loosen
Senior Researcher Journalismusforschung

Prof. Dr. Wiebke Loosen

Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut (HBI)
Rothenbaumchaussee 36
20148 Hamburg

Tel. +49 (0)40 45 02 17 - 91
Fax +49 (0)40 45 02 17 - 77

w.loosen@hans-bredow-institut.de

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